, Oliver Engelbrecht

„Deshalb ist die Ressourcenplanung so wichtig“ – Eoghan Henn im Interview

Eoghan Henn spricht im Interview über die wichtigsten Strategien für eine ausgeglichene Work-Life-Balance in der digitalen Welt.

von Oliver Engelbrecht
Lesezeit: 11 Minuten

Über Eoghan Henn

Der Name Eoghan ist irisch und wird wie der englische Name Owen ausgesprochen. Wenn du Eoghan triffst, dann solltest du seinen Namen besser richtig aussprechen (er ist zwar eigentlich sehr freundlich, aber in diesem Fall garantiert er für nichts!). Beruflich war er lange als Berater bei rankingCHECK aktiv, bevor er sich 2016 als Mitgründer eines Tools selbstständig machte. Mit searchVIU will er Webmaster dabei unterstützen, Relaunches fehlerfrei durchzuführen.

Wenn du nicht genug von Eoghans Meinungen und Ansichten bekommen kannst, dann solltest du ihm bei Twitter folgen, dich mit ihm bei LinkedIn vernetzen und seinen englischsprachigen Blog Rebelytics bookmarken.

Hi, Eoghan und schön, dass wir uns mal wieder unterhalten. Heute geht es um ein Thema, das uns beiden am Herzen liegt, da wir beide mehrere Kinder haben: Work-Life-Balance im Online-Marketing. Du hast ja ebenfalls in Agenturen angefange, und dort ist es ja manchmal etwas schwierig, wenn man Familie hat. Was waren da deine Erfahrungen?

Ich hatte das Glück, dass ich, als meine erste Tochter geboren wurde, in einer Agentur gearbeitet habe, in der man keine Überstunden machen musste und es okay war, sich mal kurzfristig einen halben Tag freizunehmen, um mit dem Kind zum Arzt zu gehen.

Trotzdem war es ein anstrengender Vollzeitjob und ich war jeden Tag zehn bis elf Stunden aus dem Haus. Ich habe deshalb zu Hause viel verpasst und hatte nach einem langen Tag wenig Energie übrig, um die knappe Stunde zu genießen, die ich abends mit meiner Tochter hatte. Meine Partnerin war außerdem meistens ganz alleine mit dem Kind, weil wir auch keine Verwandten oder engen Freunde in der Nähe hatten. Mit der Situation waren wir beide also alles andere als glücklich.

Aber das ist ja schon großes Glück, dass du wenigstens die Möglichkeit hattest, dir mal frei zu nehmen. Das Glück habe ich auch und ich weiß es echt zu schätzen. Aber natürlich hat man abends nicht mehr so viel Zeit mit den Kleinen. Gab es da weitere Angebote vom Arbeitgeber, um das Ganze etwas zu vereinfachen – also Homeoffice oder sowas. Oder war das ein Grund für dich, dich selbstständig zu machen?

Unser erster Lösungsansatz war, dass wir nach Spanien umgezogen sind, da wir hier mehr Freunde und Verwandte haben als in Brüssel, wo wir wirklich sehr auf uns alleine gestellt waren. Auch das hat mir meine Agentur ermöglicht, was wirklich großartig war. Homeoffice wäre auch von der Firma aus überhaupt kein Problem gewesen, da ich in Brüssel bereits remote gearbeitet habe und in Spanien dann noch „remoter“.

Allerdings muss man sich Homeoffice auch leisten können! Gerade, wenn man kleine Kinder zu Hause hat, braucht man unbedingt einen separaten Raum als Büro. Aber wer hat schon eine so große Wohnung? Homeoffice ist leichter gesagt als getan. Reduzierte Arbeitszeiten waren auch eine Option, aber das wäre dann finanziell sehr schwierig geworden.

Letztendlich waren diese Gründe dann wirklich der ausschlaggebende Faktor, mich nach einem weiteren Jahr als Angestellter in Spanien selbstständig zu machen und meine Arbeitszeiten deutlich zu reduzieren, ohne die finanziellen Einschnitte in Kauf nehmen zu müssen, die das in einem Angestelltenverhältnis bedeutet hätte.

Das verstehe ich, ich mache auch kein Homeoffice, weil ich mich da einfach nicht konzentrieren könnte … Nun, jedenfalls bist du jetzt von Spanien aus als Freelancer unterwegs. Wonach suchst du dir deine Kunden aus? Und wie stellst du sicher, dass du nicht zu viel arbeitest?

Meine Kunden akzeptieren, dass meine Familie für mich an erster Stelle steht und ich zeitlich nicht immer komplett flexibel bin, weil ich in der Regel nur vormittags arbeite. Wenn es nicht anders geht, mache ich nachmittags auch mal einen Call, aber meine Kernarbeitszeit ist vormittags, wenn die Kinder in der Schule und in der Kita sind.

Ich stelle sicher, dass ich nicht zu viel arbeite, indem ich meine Ressourcen sehr streng plane. Ich arbeite mit gründlicher Zeiterfassung, weiß wie viele Stunden meine Arbeitswoche hat und sage „Nein“ zu potenziellen Projekten, die zeitlich einfach nicht reinpassen. Meine bestehenden Kunden wissen und spüren dafür, dass ich immer Zeit und Energie für sie habe, auch wenn es terminlich manchmal eine Herausforderung sein kann. Bisher hatte ich in dreieinhalb Jahren Selbstständigkeit nie Probleme, meine Arbeit und meine Familie unter einen Hut zu bringen.

Das zeigt mal wieder, wie wichtig es ist, mit den richtigen Leuten zusammenzuarbeiten – sei es als Kunden oder als Arbeitgeber. Wie machst du den neuen Kunden am Anfang klar, wie die Zusammenarbeit mit dir läuft und wie sind da die Reaktionen?

Die meisten Leute, mit denen ich rede, stellen eh direkt viele Fragen: Die erste ist meistens, warum ich in Spanien lebe und wenn ich erkläre, dass wir wegen der Kinder hierher gezogen sind, dann ist dafür von Anfang an ein Verständnis vorhanden. Außerdem ist es Kunden am Ende vollkommen egal, wann und wie lange ein Dienstleister am Schreibtisch sitzt, solange die Leistung stimmt und die Kommunikation passt. Sie bezahlen mich ja nicht für einen Vollzeitjob, sondern für ein paar Stunden pro Woche und die kann ich auch als Teilzeitler problemlos liefern, wenn ich mir einfach insgesamt nicht zu viel vornehme.

Deshalb ist die bereits erwähnte Ressourcenplanung so wichtig. Interessanterweise haben viele meiner Kunden auch kleine Kinder zu Hause. Eventuell ist das mit ein Grund, weshalb wir zusammengefunden haben und gut miteinander klarkommen.

Wie du schon sagst ist die Kommunikation zentral. Welche Tools hast du dafür im Einsatz und warum? Und welche Regeln für die Kommunikation hast du dir selbst aufgestellt – wenn es zum Beispiel um Häufigkeit oder schriftliches Festhalten des Besprochenen geht?

Tools sind ein gutes Stichwort. Sie helfen zwar nicht ganz alleine (man muss sie auch korrekt bedienen), aber sie erleichtern eine gute und saubere Kommunikation. In all meinen Projekten nutze ich Projektmanagement-Tools wie Trello, JIRA, Asana und Basecamp. Ich nutze tatsächlich so viele verschiedene, weil ich mich in der Regel einfach in das Projektmanagement mit einklinke, das bei meinen Kunden bereits genutzt wird.

Für meine Zeiterfassung nutze ich Toggl. Für Video-Calls, die ein sehr wichtiger Bestandteil meiner Kommunikation sind, nutze ich am liebsten Zoom, aber wenn meine Kunden Hangouts oder Skype bevorzugen, passe ich mich an. Außerdem habe ich eine Cloud-Telefonanlage von NFON, damit ich auch von Spanien aus eine deutsche Festnetznummer nutzen kann.

Meine eigenen Tasks und Deadlines plane ich ganz einfach mit Google Tasks (als Handy-App und auf dem Desktop in Gmail integriert). Außerdem halte ich natürlich jeden Termin im Kalender fest und lade auch immer meine Kunden zu den Terminen ein – Kalendereinträge für Termine machen nur dann wirklich Sinn, wenn sie bei allen Teilnehmern im Kalender stehen. Außerdem plane ich immer mindestens eine Woche im Voraus und sage rechtzeitig Bescheid, wenn ich einen Termin verschieben muss oder einen Tag nicht erreichbar bin.

Das hört sich verdammt organisiert an! Auch wenn du immer die Tools des Kunden nutzt: Was ist für dich das beste Projektmanagement-Tool und warum? Weil es hier es so viele verschiedene Meinungen gibt und mich deine interessiert.

Ich habe mit ca. zehn verschiedenen Projektmanagement -Tools gearbeitet – und ganz ehrlich: Am Ende sind die doch alle gleich! Vom Design her mag ich am liebsten Asana, und JIRA hat wahrscheinlich die meisten Features, von denen man viele aber auch nie benutzt. Es kommt wirklich in erster Linie darauf an, wie gut alle Beteiligten mit den Tools arbeiten.

Wohl wahr. Wir wissen jetzt, welche Regeln du dir selbst setzt und mit welchen Tools du remote arbeitest. Was braucht es deiner Meinung nach noch, um remote erfolgreich zu arbeiten? Sei es als Freelancer oder als Angestellter.

Hier gibt es mit Sicherheit viele verschiedene Modelle, aber ich persönlich brauche auch als „Remoter“ ein professionelles Arbeitsumfeld, geregelte Arbeitszeiten und eine gute Routine. Ich lebe zwar am Meer, aber ich arbeite nicht am Strand. Wenn auch ab und zu in einem Café mit Blick aufs Meer, aber das geht auch nur an Tagen, an denen ich keine Calls habe und keine Arbeiten erledige, für die ich einen großen Bildschirm brauche.

Ich arbeite auch selten in der Hängematte, im Garten oder auf dem Sofa. Mein Büro ist der Ort, wo ich am produktivsten bin und mich am besten konzentrieren kann. Da muss natürlich jeder für sich selbst den besten Weg finden und es gibt viele Menschen, die als „Digital Nomads“ sehr produktiv und erfolgreich sind. „Remote“ bedeutet aber auf keinen Fall, dass man unbedingt zu den wildesten Zeiten und an den wildesten Orten arbeitet. In meinem Fall bedeutet es einfach nur, dass ich meine Kunden nur sehr selten oder nie persönlich treffe. Witzigerweise ist gerade das in den meisten Agenturen, wo man jeden Tag ins Büro pendelt, aber auch nicht anders. In unserer Branche ist der Schritt zum ortsunabhängigen Arbeiten also gar nicht so groß.

Deshalb seid ihr ja auch ein komplett remote arbeitender Haushalt. Wie teilen deine Partnerin und du euch das auf? Von der Raumaufteilung über den Haushalt bis hin zur Kinderbetreuung? Habt ihr feste Arbeitszeiten, wechselt ihr euch ab oder macht ihr das spontan?

Wir arbeiten beide in erster Linie dann, wenn die Kinder nicht zu Hause sind und seit ich mich selbstständig gemacht habe, haben wir komplett von zu Hause aus gearbeitet. Aber wir merken schon, dass das jetzt mit zwei Kindern noch einmal deutlich schwieriger ist und werden deshalb demnächst ein Büro mieten, damit wir einen Ort zum Ausweichen haben, wenn zu Hause zu viel los ist.

Wir teilen uns die Arbeit im Haushalt und verbringen beide gleich viel Zeit mit unseren Berufen und mit den Kindern. Das funktioniert für uns perfekt und wir sind sehr glücklich damit. Und auch wirtschaftlich hat es sich für uns inzwischen mehr als ausgezahlt. Dadurch, dass ich in den letzten dreieinhalb Jahren deutlich mehr Verantwortung zu Hause übernehmen konnte, hatte meine Partnerin die Möglichkeit, weiter an ihrer Karriere zu arbeiten. Sie kann verreisen und Vorträge auf internationalen Konferenzen halten, weil ich dank meiner reduzierten Arbeitszeiten problemlos in der Lage bin, den Laden hier ein paar Tage alleine zu schmeißen. Und unsere kombinierten Einkommen und unsere allgemeine Zufriedenheit sind mit Sicherheit höher, als wenn ich mich weiterhin in erster Linie ums Geldverdienen gekümmert und sie nach wie vor fast all ihre Energie in Kinder und Haushalt gesteckt hätte.

Das hört sich wunderbar an. Wie sind in Verbindung dazu deine Erfahrungen mit der Elternzeit? Ist das für dich ein lohnenswertes Konzept und konntest du in der Zeit wirklich loslassen, ohne nebenbei doch ein paar Kleinigkeiten zu machen oder öfter mal die Mails zu checken?

Nach der Geburt meines Sohnes hatte ich als Freiberufler in Spanien Anspruch auf acht Wochen Elternzeit. Zwei davon musste ich direkt nach der Geburt nehmen, und den Rest habe ich dann im Anschluss an die Elternzeit meiner Partnerin genommen, damit wir noch ein paar Wochen länger ohne Kita auskommen.

In dieser Zeit durfte ich keine Rechnungen schreiben, habe aber dafür einen Ausgleich von der Sozialversicherung erhalten. Mit meinen Kunden und meinem Geschäftspartner Michael bei searchVIU habe ich die Zeit auch lange im Voraus eingeplant, so dass ich in diesen sechs Wochen tatsächlich gar nicht gearbeitet habe, und das durfte ich ja aufgrund des offiziellen Charakters dieser Regelung auch gar nicht.

Insgesamt waren diese sechs Wochen schon eine interessante Erfahrung, aber ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Erst einmal war es wahnsinnig anstrengend, sogar viel anstrengender als mein normaler Alltag mit Teilzeit-Arbeit und Teilzeit-Elternschaft. Es ist insgesamt wirklich entspannter, wenn sich zwei Partner beides teilen, als wenn man nur das eine macht. Außerdem habe ich meine Arbeit wirklich vermisst! Hinzu kam, dass die zusätzliche Zeit, die ich mit meinem Sohn verbringen konnte, natürlich sehr schön war. Aber es war nicht so, dass sie einen riesengroßen Unterschied für mich gemacht hat, weil ich aufgrund meiner guten Balance sowieso schon sehr viel Zeit mit beiden Kindern verbringen kann. Beim nächsten Kind versuchen wir eventuell ein anderes Modell. Man kann nämlich hier in Spanien auch Teilzeit-Elternzeit nehmen. Vielleicht funktioniert das für uns auch besser, wenn wir über einen längeren Zeitraum beide noch weniger arbeiten, anstatt nacheinander gar nicht.

Das ist total sinnvoll, und die Abwechslung macht es sicher noch spannender. Zum Abschluss: Gibt es Konzepte, die du dir zusätzlich wünschst? Teilzeit-Elternzeit ist ja schon eine coole Sache, aber fallen dir noch Rahmenbedingungen (finanziell, zeitlich etc.) ein, die du gerne mal ausprobieren würdest?

In Schreibtisch-Branchen kann aus meiner Sicht die 40-Stunden-Woche weiter aufgeweicht werden. Ich schaffe in 25 bis 30 Stunden genau so viel, wie ich vorher in 40 Stunden geschafft habe, weil ich ausgeruhter und besser organisiert bin. Außerdem sollten Eltern, die kleine Kinder im Haushalt haben, zusätzliche Erleichterungen bei der Arbeitszeit erhalten, ohne finanzielle Einbußen in Kauf zu nehmen. Hier wäre ein Ausgleich durch die Sozialversicherung oder auch durch die Unternehmen denkbar. Denn Eltern sind extrem wertvolle Mitarbeiter, die aus Unternehmenssicht unterstützt werden sollten.

Das Allerwichtigste ist meiner Meinung nach aber, dass alle Eltern – nicht nur Mütter – zu Hause Verantwortung übernehmen und weniger Zeit bei der Arbeit verbringen. Nur wenn auch Väter ihre Elternzeit in Anspruch nehmen und für ein paar Jahre in Teilzeit gehen, kann im Arbeitsmarkt wirkliche Geschlechtergerechtigkeit herrschen. Wenn Väter weiter in Vollzeit durchackern, lastet zu viel Verantwortung auf Müttern und ihnen wird die Chance genommen, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Hier sind Männer in der Pflicht, einen wichtigen Teil zur Gleichstellung der Geschlechter beizutragen, indem sie zu Hause zum Leistungsträger werden.

Das sehe ich ganz genau so! Vielen Dank für die interessanten Einblicke in deinen Work-Life-Alltag!

Über den Autor

Oliver Engelbrecht

Ich bin bei LEAP/ für Marketing & Communications zuständig und verantworte damit die Lead-Generierung und das Branding der Agentur. Zudem leite ich unser LEAP/ Magazin als Chefredakteur. Zuvor habe ich das SEO-Portal aufgebaut und geleitet.